Altkleider für die Welt
Jungle World, 5. Februar 2009, Ron Steinke
Etwas Sportliches für den Herrn? Die himmelblaue Trainingsjacke mit dem Aufdruck »Postbank« lässt sich zum Beispiel ganz hervorragend mit einem lässig geschnittenen Sakko in der Komplementärfarbe Ocker kombinieren. Oder vielleicht eher etwas Klassisches für die Dame? Dann führt an der Abteilung »Trends der 50er bis 80er Jahre« kein Weg vorbei: Ausgefallen gemusterte Blusen schmeicheln dem Auge, für Liebhaberinnen des Faltenrocks erfüllen sich Träume in allen Farben von Beige über Taubengrau bis Flieder. Ein komplettes Outfit inklusive Modeschmuck ist für weniger als 40 Euro zu haben – jedenfalls wenn es nicht gleich die Stiefel aus künstlichem Schlangenleder oder der Pelzmantel für 165 Euro sein sollen. Die gibt es hier, in der Humana-Kaufhalle in Hamburg-Altona, nämlich auch.(…)Berührungen mit dem Altkleidergeschäft bleiben für die Freiwilligen auch dann nicht aus, wenn ihr »Afrika-Dienst« bei Humana etwa in einem Aids-Projekt oder in einer Schule geleistet werden soll. Die Freiwilligen durchlaufen in Berlin ein sechsmonatiges Vorbereitungsprogramm, das sie 400 Euro »Anmeldegebühr« kostet. Integraler Bestandteil des »Vorbereitungsprogramms« ist ein Job von 30 Stunden pro Woche in den Second-Hand-Märkten oder der Kleidersammlung von Humana, wie Julia Breidenstein erklärt. So würden die Freiwilligen »wertvolle Erfahrungen« sammeln und einen Lohn erhalten, der die Kosten ihrer Vorbereitung decke.
Was genau unter jenen »Kosten der Vorbereitung« zu verstehen ist, erfuhr eine Berliner Studentin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, auf einer Informationsveranstaltung von Humana in Berlin. Bei dem Treffen, das auf dem Firmengelände der Humana Kleidersammlung GmbH in Rudow stattfand, sei erklärt worden, erzählt die Studentin, dass die Freiwilligen für ihre sechsmonatige Vorbereitungszeit in eine Gemeinschaftswohnung nach Köpenick ziehen müssten. Mit ihren 30-Stunden-Jobs müssten sie während dieser Zeit die Miete und die Verpflegung finanzieren. Außerdem hätten die Verantwortlichen von Humana erklärt, dass während der sechs Monate keine Treffen mit der eigenen Familie erlaubt seien, mit Ausnahme eines einzigen Wochenendes.

